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Survivor Storys

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Ich sagte, dass ich mich tot stelle. Und sie haben mich nicht mitgenommen.

  • Avram R'.s story

Wer aus dem Schutzraum rauskommt, stirbt, wer drinnen bleibt, auch

Zuerst zur Erklärung, ich wohne im Moshav Shuva. Er liegt sieben Kilometer vom Grenzzaun entfernt, in der zweiten Linie. Das heißt, es gibt Orte, die direkt an den Zaun grenzen, so wie Alumim, Be’eri, Nahal Oz, die Felder des Moshav und dann die Häuser.


Um halb sieben Uhr früh standen wir erschrocken auf, es gab Raketenalarm. Zwei Monate zuvor sind wir in ein neues Haus gezogen, ein süßes Fertighaus neben der Synagoge, auf deren Dach die Sirene steht.


Gleich werdet Ihr verstehen, dass dies nicht nur technische Details sind.


Glücklicherweise haben wir die Mädchen beim Umzug ins neue Haus im Sicherheitsraum einquartiert, und nur Pele, der Kleine (1.5 Jahre alt) hat bei uns geschlafen. Wir rissen ihn aus dem Bett und rannten zum Schutzraum. Er wachte auf, und seine kleine Schwester erwachte durch den Lärm auch, als wir die Fenster und die Tür des Schutzraums schlossen.


Er sagt, der ganze Kibbuz sei voller Leichen. Ungeheuer viele Leichen auf den Straßen.“

Was für ein Glück, dass die Mädchen im Schutzraum sind und wir nicht mehr in der Laubhütte schlafen, sagte ich zu meiner Frau. Sie meinte, schade, dass wir am Ende doch nicht für den Feiertag zu deinen Eltern gefahren sind.


Wir hatten lange überlegt, wo wir den Feiertag verbringen sollten, aber dann beschlossen wir, die Tora an ihrem Festtag mit unseren Freunden und den Freunden unserer Kinder zu feiern.


Auch im Laufe des Tages sagte Liron, wie schade, dass wir nicht gefahren sind, aber ich meinte zu meiner eigenen Überraschung, dass ich ein wenig froh bin, dass wir geblieben sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unser Haus, unsere Freunde so ein Ereignis durchleben und wir es nur aus der Distanz mitbekommen. Zu diesem Zeitpunkt war mir die Größe des Ereignisses noch nicht ganz klar, doch es hängt mir noch stark nach.


Zwei Tage vorher, am Donnerstag, kam Adi, eine gute Freundin aus Tel Aviv, zu Besuch und ich erzählte ihr fröhlich, dass meine Töchter noch niemals einen Raketenalarm gehört haben. “Sobald es anfängt, gehen wir weg.” Doch heute war ein Feiertag [religiöse Juden fahren nicht am Feiertag, Anm. d. Übers.]. Und als wir anfingen zu realisieren, dass hier etwas anderes passiert und wir vielleicht trotz des Feiertages wegfahren sollten, sagte man uns, dass alle Straßen gesperrt sind und man nirgendwo hingehen kann…


Lirons Handy hörte nicht auf zu klingeln. Wir sind gewohnt, dass ihre Eltern sich Sorgen machen, sogar am Schabbat (wenn religiöse Juden ihr Telefon nicht benutzen), aber diesmal war es außergewöhnlich.


Die Terroristen dann einfach die Häuser samt ihren Bewohnern anzünden. Wer aus dem Schutzraum rauskommt, stirbt, wer drinnen bleibt, auch…

Sicher haben sie einen ranghohen Offizier der Hamas getötet, dachte ich, da darüber geredet worden war, das ist anscheinend der Grund, dass die Sirenen nicht mehr aufhören. Wir fingen an zu spüren, dass etwas Außergewöhnliches los ist…

Plötzlich kam die Nachbarin, hört mal, Assaf geht von Haus zu Haus und fragt, wer Waffen hat. Man befürchtet, dass Terroristen eingedrungen sind.

Wie, eingedrungen, sicher nicht, sagte ich selbstbewusst. Wir sind nicht direkt am Zaun, keine Chance, hier einzudringen.

Nach ein paar Minuten kommt sie zurück - sie sind in Be‘eri, Sderot, Yakhini und Ofakim eingedrungen….

Ofakim?! Bist du sicher? Das klingt nicht logisch.

Im Laufe des Tages verstehen wir, dass dies das Logischste ist, was uns an diesem Tag passieren konnte.


Zu diesem Zeitpunkt war Lirons Telefon schon in Betrieb. Wir verstehen, dass es hier um etwas anderes geht, dass wir die Nachrichten verfolgen müssen, die Sicherheitsanweisungen, das Unvorstellbare und den Horror.

Mir fiel das schwer. Man braucht nicht zwei Telefone für ‘Pikuach Nefesh’ [wenn Lebensgefahr besteht, dürfen religiöse Juden am Sabbat oder Feiertag elektronische Geräte wie das Telefon benutzen, Anm. d. Übers.]. Im Nachhinein war ich der einzige ohne Telefon am Feiertag. Der religiöse Jude in mir machte an diesem Feiertag Überstunden. Ich freue mich darüber, denn es erfordert große Stärke und Distanz zu dem, was gerade passierte, um in dieser Realität zu funktionieren.


Als wir verstanden, dass Terroristen eingedrungen sein könnten und dass es im Moshav nur wenige Waffen gibt, schickte Liron eine Nachricht an den Leiter des Regionalrats, damit sie Einsatzkräfte in den Moshav schicken, es kann nicht sein, dass keine Wachen da sind und dass die Einwohner in ihren Häusern eingeschlossen sind! Er antwortete ihr nach einigen Minuten.

Die Armee kann den Vorfall nicht kontrollieren. Hoffen wir, dass sie es rasch in den Griff kriegen.

Das geschah nicht.

Im Laufe des Tages halfen alle mit, Essen und Wasserflaschen für die Soldaten vorzubereiten, doch ich greife vor.


Wir fanden heraus, dass man die Tür des Schuzraums nicht von innen abschließen kann. Deshalb gingen wir in ein anderes Haus, dadurch begannen wir, von den Schrecken zu erfahren, über die ich später berichten werde.

Wir beschlossen, zusammen mit anderen Familien in ein Haus zu gehen, das kein Fertighaus ist, einerseits für die Sicherheit und andererseits, um die Kinder zu beschäftigen, die so mit ihren Freunden zusammen sein konnten.

Ich wünsche niemandem, mit Kindern außerhalb des Hauses zu sein, wenn Raketenalarm ist oder auch nur die Gefahr dazu besteht (von der Gefahr einer Entführung ganz zu schweigen). Dies untergräbt jede minimale Verantwortung, die man als Eltern trägt.

Wir sind angekommen.

Als wir ankamen, war David, mein Freund und dort der Hausherr, nicht daheim. Er schloss sich einer Gruppe von Zivilisten an, die den Moshav überwachten, um das Eindringen von Terroristen zu verhindern.

Alle paar Minuten kam er zurück und sagte Sätze, bei denen wir unseren Ohren nicht trauten.

Den Tag verbrachten wir damit, in den Schutzraum rein und wieder raus zu rennen. Zum Glück waren wir zusammen, und dank Simchat Tora [jüdischer Feiertag nach Sukkot, Anm. d. Übers.] hatten wir viele Süßigkeiten, Snacks und Essen für die Kinder da. Irgendwann sagten wir jedes Mal, wenn wir aus dem Schutzraum herauskamen, zum Spaß: “Noch eine Hakafa” [Tanz mit der Tora durch die Synagoge an Simchat Tora, Anm. d. Übers.]. Wir hatten sehr viele “Hakafot”…

Den ganzen Tag hören wir wahnsinnige Knalle, Helikopter und auch…Maschinengewehre. Sechs Jahre wohnen wir in dieser Gegend, und ich habe im Leben noch nie Maschinengewehre gehört.


Erst, als ich in der Nacht zu meinen Eltern nach Hause kam und es dort still war, habe ich verstanden, wie süß die Stille ist. Wie sehr sie mir fehlte.

“Alles ist verbrannt, sie verbrennen alles” sagte mein Freund, der von seinem Beobachtungsposten zurückkam, um ein Ladegerät zu holen. “Sie verbrennen Häuser, sie verbrennen alles. Ganz Be’eri steht in Flammen, ganz Alumim. Alles voller Rauch.”

Zum ersten Mal an diesem Tag ging ich raus. Der ganze Horizont war voller Rauch, alles roch verbrannt…


Später erzählte mir eine Nachbarin, die Familie in Kfar Aza hat, dass Leute sich in den Schutzraum einschließen und die Terroristen dann einfach die Häuser samt ihren Bewohnern anzünden. Wer aus dem Schutzraum rauskommt, stirbt, wer drinnen bleibt, auch…


Den ganzen Tag rein und raus aus dem Schutzraum. Wegen Simchat Tora und um “die bittere Pille zu versüßen” haben wir jedes Mal, wenn wir alle wieder rein gegangen sind und sicher waren, dass alle drin sind “Sissu VeSimchu BeSimchat Tora” [ein Lied zu Simchat Tora, Anm. d. Übers.] gesungen. Das machte Spaß und war schrecklich surrealistisch.


Den ganzen Tag denke ich nur daran, dass ich mich in einem Ereignis befinde, für welches meine Töchter noch viele Jahre einen seelischen Preis zahlen werden.

Ich war froh, dass ich kein Telefon hatte. Wir gaben unser Bestes, für unsere Kinder da zu sein, ihnen zuzuhören, mit ihnen zu spielen, sie lieb zu haben, ihnen Geschichten zu erzählen und ihnen das Gefühl von Sicherheit zu geben.


Ich schätze, dass 15 Terroristen bei uns im Haus waren. Ich habe die Türklinke (mit der man die Tür von innen nicht abschließen kann) 10 Stunden lang festgehalten.

Ich weiss dass wir es geschafft haben, wir waren gut. Wir sind gute Eltern…

Hoffe ich…

Überhaupt bringen solche Situationen die schwersten Fragen über Beziehung, Elternschaft und Familie auf…

Im Laufe des Tages habe ich verstanden, wie sehr ich die Tora liebe. Der Druck und der Stress und alles, was passierte, brachten mich dazu, mich hinsetzen und die Tora studieren zu wollen . Wie ein kleiner Junge, der sich an jemandem festhalten muss.

Eine Umarmung…

“Ich habe gerade einen Offizier getroffen, der in Be‘eri war“, informierte mich David. “Er sagt, der ganze Kibbuz sei voller Leichen. Ungeheuer viele Leichen auf den Straßen.“

“Der Staat Israel wird nie wieder derselbe sein", fügte er hinzu, einen Satz, der heute noch in meinem Kopf wiederhallt.


Alles ist kaputt, so kam es mir vor, aber das war alles gerade nicht wichtig. Was wichtig ist, ist meine Familie, dass die Kinder essen, dass sie sich nicht streiten, dass sie Spaß haben. Und dann machten wir eine Psalmen-Runde mit den Kindern.

Sie mögen das.

Wir begannen mit einem Dankpsalm. Danke, dass wir zusammen und am Leben sind. Dass wir mit Freunden und Familie zusammen sind, dass wir dies überstehen werden, so gut es nur geht.


Der Eingang zum Moshav wurde zu einem Versammlungspunkt. Verletzte wurden dort behandelt und evakuiert, Ausrüstung verteilt und Material für die Soldaten bereitgestellt.

Es wurde gefragt, wer mit einem Auto kommen kann, um Verletzte ins Soroka-Krankenhaus zu bringen. David hat einen Offizier hingefahren. Er meinte, dieser habe den ganzen Weg kein Wort gesagt, er sei schwer traumatisiert und habe nicht sprechen können. Außerdem erzählte er, dass sie die Waffen von verletzten Soldaten an Zivilisten verteilen, ein Gefühl wie im Unabhängigkeitskrieg.


Es gibt keine Waffen, keine Ausrüstung, kein Personal…

“Du verlässt mich nicht", sagte Liron zu mir, als nach Freiwilligen gefragt wurde. “Ich schaffe das nicht alleine.“ Ich verstand sie. Freunde fuhren los, kamen zurück, haben Sachen gebracht und ich wollte helfen, mich beteiligen. Wir sind im Krieg. Doch meine Familie braucht mich, und das ist gerade am wichtigsten.

Den ganzen Tag denke ich nur an unsere Kinder, an deren Trauma und daran, dass wir ihnen helfen müssen, den Schaden zu begrenzen, mit dem wir uns noch werden auseinandersetzen müssen…

Den ganzen Tag strömen Informationen über die Gräueltaten, das Massaker, die Hilflosigkeit herein…


Im Laufe des Tages blitzen Gedanken auf, dass Israel, von Feinden umgeben, eine Regierung mit einer Mehrheit ohne militärische Erfahrung hat. Es gibt wohl sogar mehr Minister mit einer kriminellen Vergangenheit als mit einer militärischen…

Und dann kommt der Gedanke, dass jetzt nicht die Zeit für solche Gedanken ist, sie helfen nicht, nicht jetzt. Meine Familie braucht mich.

„Wer kann Familien aus Be‘eri aufnehmen?“ wurde am Samstagabend überWhatsApp gefragt. Und tatsächlich brachte David nach ein paar Minuten zwei herein, Shalom und Haim.


Shalom war ein großer, starker Mann, erschöpft und traumatisiert. Und Haim, ein 16-jähriger Junge, traurig und gebrochen. Sein Gesicht sagte alles, er sah aus wie ein Geist. Sie erzählten, dass sie morgens durch den Raketenalarm aufgewacht waren. Auf dem Weg zum Schutzraum schaute Shalom aus dem Fenster und sah zwei Pickup-Trucks mit Dutzenden Terroristen. Ich schätze, dass 15 Terroristen bei uns im Haus waren. Ich habe die Türklinke (mit der man die Tür von innen nicht abschließen kann) 10 Stunden lang festgehalten. Ich kann meine Hand immer noch nicht spüren. Sie schossen ein paar Mal auf die Tür und sagten, wir seien tot.


Er erzählte weiter, wie sie das ganze Haus verwüsteten, Betten und Klimaanlagen zerschlugen, einfach alles kaputt machten…

Ich wollte sie umarmen, ihnen helfen, irgendetwas tun… Also kochte ich ihnen Kaffee und massierte ihnen den Rücken.


Als der Sabbat zu Ende war [Samstag Abend, Anm. d. Übers.], wollte ich nur wissen, ob es möglich wäre, von hier wegzufahren, denn die Infiltration hing noch nach. Es waren noch keine Einsatzkräfte im Moshav, und es gab noch versteckte Terroristen. Das würde bedeuten, dass wir bei den Freunden bleiben müssten, viele Kinder zusammen in einem Schutzraum schlafen würden und wir noch eine Nacht in dieser Realität verbringen.

Ich sagte zu Liron, dass wir gehen. Sie sagte mir, sie wolle nicht sterben…


Wir beschlossen, zu fahren, und das war G‘tt sei Dank (wenn man Ihm nach diesem Tag noch danken kann…) die richtige Entscheidung. Den ganzen Weg über hörten wir Nachrichten, der Bruder eines Freundes wurde getötet, noch mehr Menschen, die wir kannten… Dutzende Nachrichten von besorgten Freunden. Sie erwärmten mein Herz, obwohl ich allen sagen wollte, dass wir trotz allem einen guten Sabbat hatten, da wir mit Freunden zusammen waren, spielten, Lieder zu Simchat Tora gesungen haben und darüber gesprochen haben, wie sehr wir die Tora lieben und uns ihrer erfreuen.


Es gibt noch viel zu erzählen, viele Punkte, Ereignisse und Anekdoten, aber jetzt will ich nur schlafen gehen. Und weinen. Und meine Familie umarmen…


Avram R.

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